Durch die Jagd wird das Wild scheu gemacht
Die Anzahl der in der Natur nach Erholung suchenden Menschen hat in den letzten Jahren stark zugenommen und Wildruhezonen sollte man sicher aus Rücksicht zum anhin schon geforderten Wild berücksichtigen. Doch sind diese nicht langfristige Lösungen.
Eine Tatsache ist, dass in den gängig verbreiteten Berichten über Störungen des Wildes die Jagd ausgeschlossen wird. Dabei ist primär die Jagd und das ist nachweisbar, an unseren so verängsteten Wildtieren schuld. Jährlich werden in der Schweiz zehntausende Huftiere Murmeltiere, Feld- und Schneehasen abgeschossen. Auch Arten wie Schneehuhn, Birkhuhn oder Waldschnepfe werden nicht geschont. Nun wird die Schuld an den zunehmenden Scharen von Skifahrer, Wanderern, Pilzern ect. zugeschoben, die diese Nebenwirkungen der Jagd eigentlich nicht verursachen, aber entsprechend den wissenschaftlichen Untersuchungen verstärken, braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn die eigentlichen Verursacher, die Jäger, mit Rückenstärkung durch ihre Freunde aus Politik und Presse nun übereifrig von ihrem Verschulden ablenken und uns Bürger als die Schuldigen anprangern. Dabei ist die Menschenscheu der Wildtiere und ihre inzwischen übersteigerte Angst vor Skifahrern, Wanderern, Freizeitsportlern usw. doch nur eine Nebenwirkung der Hobby-Jagd.
Auch die Erwähnung das im Februar- März die vielen Stangensucher kreuz und quer durch den Wald streifen nach der Suche von Geweihen der Wildtiere, fehlt. Ob diese die Wildruhezonen beachten ist genauso fraglich? Auf Wanderwegen sind diese jedoch bestimmt nicht unterwegs.
Um die Natur zu schützen, wurden Naturschutzgebiete angelegt. Doch die Einschränkungen und Begehungsverbote brachten oft keineswegs die erhofften Besserungen. Solange in Schutzgebieten, gejagt werden darf, werden die attraktiven Arten scheu bleiben. Und störungsanfällig. Auch Steinböcke, Feldhase usw. werden obwohl geschützt selektioniert in Schutzgebieten gejagt.
Durch die Jagd wird den Wildtieren die Menschenscheu nur anerzogen.
Artenschutzerfolge zeigten sich laut Prof. Josef H. Reichholf nur dort, wo die frühere Verfolgung von Arten beendet werden konnte. Als Beispiel nennt er den Biber: Seine Rückkehr verdanken wir der aktiven Wiedereinbürgerung und dem Schutz vor Verfolgung. Die Bedeutung des Schutzes vor Verfolgung für die Artenvielfalt zeigt sich in unseren Städten: Während auf dem Land immer mehr Tierarten aussterben, nimmt die Artenvielfalt von frei lebenden Säugetieren und Vögeln in den Städten zu. »Jeder kann dies an der ungleich geringeren Scheu der in den Städten lebenden Tiere im Vergleich zum freien Land draußen direkt feststellen« Und: »Bei den meisten der größeren Arten hängt die Zukunft nicht am Klimawandel oder an den Störungen durch Spaziergänger oder Naturfreunde, sondern an den Gewehrläufen der Jäger.« Die Jagd erzeugt künstlich Scheuheit und schränkt damit die Lebensmöglichkeiten der bejagten Arten sehr stark ein. Es liegt an der Verfolgung durch eine kleine Minderheit. Gegenüber der Jagd sind die Schädigungen durch Bau- und Siedlungstätigkeit und Industrie vergleichsweise gering. Nicht einmal dem Verkehr könne eine massivere Dezimierung von Vögeln und Säugetieren abgelastet werden als der Jagd. Das ergebe sich aus den Jagdstatistiken in aller Deutlichkeit.
Die somit eindeutigen Propagandazwecken dienenden Medienberichte deuteten darauf hin, dass man gar nicht so sehr dazu bereit war, zum Schutz des Waldes die irrsinnige Hege und Hobby-Jagd entsprechend dem Umfang ihrer Schädlichkeit einzuschränken. Viel mehr bemühte man sich um ein Verdrängen der Bevölkerung, zugunsten einer möglichst optimierten Jagdausübung. Zugleich konnte man mit den Anschuldigungen der Bevölkerung die Jägerei auch aus dem Brennpunkt der Kritik wieder etwas heraus bringen. Dass aber allein die Jagd als die eigentliche Problemursache angesehen werden muss wird einem um so deutlicher, je mehr man sich mit Lebensweisen und Verhaltensweisen von Wildtieren beschäftigt.
Erst mit der Erfindung der Gewehre ist den Tieren ein völlig unnatürlicher, da nicht mehr anschleichender Feind entstanden. Diesem neuen, blitzschnell und unerwartet aus der Ferne wirksamen Feind ist das Wild seither chancenlos ausgeliefert und in dem Fall seiner natürlichen Fähigkeiten beraubt, tödliche Gefahr rechtzeitig zu erkennen. Es kann auch seine körperlichen Vorzüge gegenüber diesem unnatürlichen Feind nicht mehr nutzen, um sich in Sicherheit zu bringen. Logischerweise hat der Einsatz von solchen Schusswaffen daher eine enorme Unsicherheit und Angst unter den Wildtieren verbreitet und damit eine sehr starke Unruhe in deren Leben gebracht. Angst, besonders die durch negative Erlebnisse entstandene Angst, führt zu einem vor Gefahren ausweichenden Verhalten. Durch Speicherungen im Sinnesgedächtnis, über das auch Tiere zweifellos verfügen, kommt es dabei, aufgrund von Erfahrungswerten und unabhängig von der Intelligenz, zu einer automatischen Verhaltensanpassung an veränderte Lebensbedingungen. Am Beispiel des Rotwildes und der Rehe trug der Schusswaffeneinsatz mit Sicherheit sehr dazu bei, dass diese Tiere ihren Lebensraum entsprechend verlagert haben. Aus den schon lange zuvor von Menschen landwirtschaftlich genutzten offenen Naturbereichen zog sich das Wild inzwischen mit zunehmendem Schusswaffengebrauch und somit steigender Verunsicherung und Angst immer mehr in die etwas schützenden dicht bewachsenen und daher auch für diese Tiere unübersichtlichen Waldbereiche zurück.
Obwohl der dicht bewachsene Wald vielen Tieren wegen der sperrigen Geweihe die Flucht erschwert und früher auch Raubtieren beim Anschleichen bessere Deckung bot, so dass es solchem Fluchtwild in diesem Umfeld gefährlicher werden konnte, riskierten die Schalenwildarten nicht ohne Grund den Aufenthalt in einem derart hinderlichen Naturbereich. Der inzwischen vollständige Wechsel dieser Tiere in den, auch von der Ernährung her, für sie ungünstigeren Lebensbereich ist letztlich eine von den Jägern verursachte folgenschwere Störung und Verfälschung unserer Natur!
In diesem nun relativ neuen aber sehr unübersichtlichen Lebensbereich bleibt den Tieren vorwiegend nur noch ihr Gehör und ihr Geruchsinn als zuverlässigste Gefahrenwarnung.
Den Hobby-Jägern ist es derzeit bei uns mit einer weiteren Neuerung, nämlich dem inzwischen überall verbreiteten Beschuss von Hochsitzen herunter, längst gelungen, besonders diesem Fluchtwild, wenn es aus seinen Tageseinständen heraus kommt, die Chance zum Entkommen noch weiter einzugrenzen und es damit auch noch in seinem neuen Lebensraum, dem Wald, aufzulauern und zu bejage
Wegen einer solchen, für die Tiere nicht mehr erkennbaren und zusätzlich erhöhten Gefahr, könnte bei ihnen das Gefühl vorherrschen, dass sie diesen unsichtbaren und todbringenden Schützen einfach nur noch ausgeliefert sind, sobald sie aus ihren Tagesverstecken hervor kommen. Aber damit ist es noch nicht genug. Zu den bereits beschriebenen angsterzeugenden Effekten der heutigen Jagd kommt noch eine weitere Komponente, welche die Angst der Tiere noch mehr verschlimmert und somit deren Scheu weiter verstärkt. Es ist eine bemerkenswerte Eigenart des Sinnesgedächtnisses, welche sowohl bei uns Menschen wie auch bei den Tieren darin besteht, dass Anblicke, Geräusche, Gerüche, Geschmack und Gefühle mit jedem Erlebnis, so zeitgleich wie sie erlebt wurden, auch miteinander zusammen gespeichert werden. Das führt dazu, dass manchmal nur eine einzige einem früheren Erlebnis identische Sinneswahrnehmung aufzutreten braucht, um sofort wieder die anderen mitgespeicherten Erinnerungen an Details eines früheren Erlebnisses zu wecken.
Es ist so gewollt, dass man als Nichtjäger letztlich einfach nur noch übersieht, was sich da in der Natur wirklich abspielt. Diese verdrehte Darstellung wurde von genügend jagenden Förstern, aber auch von so manchem Wissenschaftler verfestigt. Dass es bei alledem aber überhaupt nicht um das Wohl der Tiere, sondern nur um eine noch ungestörtere Ausübung der Jagd geht, das ist für viele Bürger bei so viel Selbstlob der Jäger und Schuldzuweisung an die Bevölkerung inzwischen kaum noch zu erkennen. Wohl wissend, dass die Bevölkerung nicht über die Zusammenhänge informiert ist, konnte man bisher auch immer dreister seine Mitbürger der Schuld für das ganze Desaster, das man selber angerichtet hat, bezichtigen. Hohe Jagdvertreter klagen deshalb schon lange über das noch immer vielerorts bestehende uneingeschränkte Waldbetretungsrecht der Bevölkerung und sie verweisen noch immer hartnäckig auf deren Mitschuld an den katastrophalen Waldwildschäden. Unentwegt schielten sie dabei auf ihre Freunde in der Politik und erwarteten dementsprechende Gesetze, die der Bevölkerung das Betreten der Natur nicht nur örtlich, sondern insgesamt einschränken.
Es ist anzunehmen, dass ein Knallgeräusch bei vielen Tieren sofort die Erinnerungen an frühere traumatische Erlebnisse weckt, die sich bei einem solchen Knall abspielten. Viele unserer Wildtiere sind Herdentiere, auch wenn sie inzwischen aus Todesangst nur noch in kleinen versprengten Gruppen zu sehen sind. Sie praktizieren untereinander ein Sozialverhalten, das jenes von so manchem Menschen weit übersteigt. Mit jedem Schuss, bei dem eines ihrer Familien- oder Sippenangehörigen zu Tode kommt oder verletzt und schreiend liegen bleibt, erleben die Tiere erneut ein solches Trauma.
Daher ist davon auszugehen, dass diese alten Angstzustände von den Tieren heute mehr durchlebt und häufiger durch neue Negativ-Erlebnisse aufgefrischt werden, als zu früheren Jagdzeiten.
Wenn in unbejagten Gebieten auch manche Tierarten recht bald sorglos unsere Nähe dulden, so gibt es aber auch andere scheuere Tierarten. Deren distanzierteres Verhalten liegt möglicherweise darin begründet, dass diese kleiner sind und wir daher für sie größer und damit bedrohlicher wirken. Nachteilig ist auch, wenn diese einer starken Bejagung durch natürliche Feinde ausgesetzt und daher sehr ängstlich und vorsichtig sind.
Nicht nur aus wissenschaftlichen Arbeiten, sondern auch an solchen selbst beobachtbaren Beispielen kann man erkennen, wie sehr Distanzwahrung und Fluchtverhalten der Wildtiere von deren bisherigen Lebenserfahrungen und inneren Antrieben abhängig ist. Es ist eindeutig ersichtlich, dass die Tiere sich entsprechend ihrer Lebenserfahrung an uns Menschen gewöhnen und bei entsprechend günstigen Voraussetzungen auch mitsamt ihren Jungtieren, ohne nennenswerte Distanzen und dennoch ohne Stress mit uns leben können. Alle ohne schlechte Erlebnisse verlaufenden Begegnungen mit Menschen, sei es durch Zufall oder Futterreize begünstigt, verschaffen ihnen die dazu erforderlichen Erfahrungswerte.
Bei der derzeitigen beruflichen Überforderung vieler Menschen und einer andererseits hohen Arbeitslosigkeit hat die Erholung oder Beschäftigung in der Natur für uns einen sehr hohen Stellenwert bezüglich unserer Gesundheit und Lebensqualität erlangt. Zum anderen haben wir durch Industriealisierung, Intensivlandwirtschaft, Erweiterung von Wohngebieten und Verkehrswegebau die Natur auf kleine Restbestände bereits stark reduziert, so dass in unserem dicht besiedelten Umfeld ein erhöhter Besucherandrang auf diese Naturreste besteht. Für die Wildtiere muss dies allerdings nicht zwangsläufig mit mehr Unruhe und Stress verbunden sein. Die bisherigen Beispiele lassen erkennen, dass sehr viele in der Natur Erholung suchende Menschen, die Wildtiere und die Forstwirtschaft keine unvereinbaren Gegensätze mehr sind, sobald man die Jagd einstellt.
Wer nun von den neuerdings anders formulierten Anschuldigungen ausgehend seinen Mitmenschen zumindest eine Teilschuld für die derzeitigen Waldwildschäden anlastet, der übersieht die Tatsache, dass früher auch sehr viele Menschen in Wald und Feld unterwegs waren. Der überwiegende Teil der Landbevölkerung war damals in der Land- und Forstwirtschaft, sogar sechs Tage je Woche und oft bis zur Dunkelheit beruflich tätig. Dazu kamen noch die vielen Beeren- und Pilzsammler. Und dennoch gab es damals weit weniger Waldwildschäden als heute. Zu bemerken sei dazu, dass es wegen der früher viel geringeren Wilddichte nicht zu dem überhöhten Beschuss wie in unserer heutigen Zeit kommen konnte. Die Tiere lebten somit unter geringerem Jagddruck und waren deshalb, im Gegensatz zu heute weniger ängstlich und daher noch tagaktive Tiere gewesen. Damals konnte man sogar zu Tageszeiten an denen die Bauern auf den Wiesen arbeiteten die Rehe bei der Futteraufnahme beobachten.
Um zukünftig weniger Waldwildschäden durch ein ungestörtes Leben der Wildtiere auch zusammen mit vielen Menschen zu ermöglichen, müssen die derzeit oft sehr stark auf jägerische Belange eingehenden Naturschutzregelungen korrigiert werden. Auch wenn die Abschaffung der Jagd die wichtigste Voraussetzung dafür ist, dass die Scheu der Tiere bzw. deren Angst vor uns Menschen abnimmt, so bleibt dennoch die Erkenntnis aufgrund von Beobachtungen und Forschungsarbeiten, dass viele friedliche Menschen in der Natur die Scheu der Wildtiere mindern. Je mehr positiv verlaufende Tier-Mensch-Begegnungen zustande kommen, desto schneller lernen die Tiere, dass wir Menschen für sie unter bestimmten Voraussetzungen auch ungefährlich sind. Die neuen nicht mehr negativen Erfahrungen tragen so zu einem schnelleren Abbau von deren Menschenscheu bei. Wenn die Wildtiere ihre Menschenscheu wieder weitgehend verlieren sollen, dann sind solche friedlichen Begegnungen mit uns Menschen wichtig.
Zeitweise geschützte kleinere Rückzugsgebiete bleiben dennoch für die Zeit der Nachwuchsaufzucht sinnvolle Einrichtungen. Solche Rückzugbereiche ergeben sich oft ohne extra Betretungsverbote, allein dadurch, dass unser Naturbesuch im Regelfall nicht querfeldein, sondern auf angelegten Wegen erfolgt. Selbst Natursportbetreibende wie z.B. Kletterer nützen in der Regel immer gleiche Kletterwege, so dass auch hier im Normalfall genügend unberührter Raum für die Tiere bleibt. Besonders wenn zwischen Wanderwegen ge-nügend Hecken und sonstiges Gestrüpp zur Deckung vorhandenen ist, können auch Nachwuchs führende Wildtiere bei stark reduzierter Distanz noch sehr gut mit vielen Menschen leben.
Herkömmliche nach jägerischer Interessenslage ausgewiesene Wildruhezonen sind hingegen nichts anderes als nur unsinnige Freiheitseinschränkungen und Schikanen für die Bevölkerung, von denen nicht die Tiere, sondern allein die Hobby-Jäger profitieren. Die bisherigen Bemühungen und Erfolge der Jägerschaft, mit denen sie die ursächlich selbst bei den Wildtieren erzeugte Scheu auch noch als Argument, um Freiheitseinschränkungen für die gesamte Bevölkerung zu erwirken, ins Feld führten, nur um ihr Spaß-Morden an Tieren noch ausgiebiger und ungestörter betreiben zu können, bezeugen letztlich einmal mehr, auf welch niederträchtige Weise sich menschliche Intelligenz auswirken kann. Dass dies alles in unserem demokratischen Staat, zum Nachteil der gesamten Bevölkerung, auch noch von ranghöchsten Politikern jahrzehntelang gefördert wird, ist aber ein ungeheuerlicher politischer Skandal.




