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03
Mär

Hegen und schießen

Geschrieben von: Wildtierschutz am 03. März 2010.

Tiermörder und absurde Bräuche

Natur­schüt­zer und Forst­wis­sen­schaft­ler kri­ti­sie­ren die Jagd — Tier­be­stände wür­den sich auch auf natür­li­che Weise regu­lie­ren. Ursprüng­lich gab es für Men­schen zwei gute Gründe, Tiere zu jagen: Sie brauch­ten etwas zu essen und ver­ar­bei­te­ten die Reste zu Klei­dung und Gebrauchs­ge­gen­stän­den. Heute stel­len immer mehr Men­schen den Sinn der Jagd in Frage. Zwar wird das Fleisch der erleg­ten Tiere immer noch geges­sen und Jäger füh­ren an, dass sie die Zahl der Tiere regu­lie­ren müs­sen, um ökolo­gi­sche und wirt­schaft­li­che Schä­den zu ver­hin­dern. Doch Jagd­kri­ti­ker wie Rag­nar Kin­zel­bach, Zoo­loge an der Uni­ver­si­tät Ros­tock, las­sen sol­che Argu­mente nicht gel­ten: “Letzt­lich dient die Jagd nur dem Spaß und der Befrie­di­gung der Mord­lust der Jäger”, sagt er. “Die Jagd ist über­flüs­sig. Wenn man sie ein­stellt, regu­lie­ren sich die Bestände von allein.”

Nach Ansicht von Natur­schüt­zern ist der Mensch zumeist selbst schuld, wenn sich Tiere irgendwo so stark ver­meh­ren, dass sie zur Belas­tung wer­den. Er zer­störe die Natur, pflanze Mono­kul­tu­ren und wun­dere sich dann, wenn sich Tiere an bestimm­ten Stel­len kon­zen­trie­ren. Dass etwa rie­sige Raps– oder Mais­fel­der für Wild­gänse, die am Polar­kreis brü­ten und Rast machen, ein gedeck­ter Tisch sind, sei nicht die Schuld der Vögel, son­dern die der Land­wirt­schaft und der Agrar­po­li­tik. Dies gilt auch für Wild­schweine, für die end­lose Mais­fel­der regel­rech­tes Mast­fut­ter sind.

“Durch Über­dün­gung und Nähr­stof­f­e­in­träge aus der Luft steigt das Pflan­zen­wachs­tum, die Tiere haben mehr zu fres­sen, über­ste­hen Pha­sen schlech­ten Wet­ters bes­ser, und ver­meh­ren sich ent­spre­chend stark”, sagt der Münch­ner Wild­tier­ex­perte Josef Reich­holf. Zudem hat der Mensch die meis­ten Raub­tiere aus­ge­rot­tet, so dass das Wild keine natür­li­chen Feinde mehr hat. Andern­orts hat er Tiere in Gegen­den aus­ge­setzt, wo sie nicht hin­ge­hö­ren und rea­giert ver­är­gert, wenn sie es wagen, dort etwas zu fres­sen. Das gilt etwa für die Nil­gänse, die seit kur­zem auch in eini­gen Bun­des­län­dern gejagt wer­den dürfen.

Eine wei­tere Absur­di­tät ist nach Ansicht von Jagd­kri­ti­kern die Win­ter­füt­te­rung. “Die Jäger mäs­ten sich in unse­ren Wäl­dern gigan­ti­sche Rot– und Reh­wild­be­stände heran, nur um sie anschlie­ßend abschie­ßen zu kön­nen”, sagt Kin­zel­bach. Dem hält Ste­phan Bröhl vom Deut­schen Jagd­schutz­ver­band (DJV) ent­ge­gen, dass die Füt­te­rung nur in Aus­nah­me­fäl­len bei extre­men Wet­ter­la­gen prak­ti­ziert werde, “um zu ver­hin­dern, dass Tiere ver­hun­gern, und um zu ver­mei­den, dass sie die Bäume im Wald annagen”.

Tat­säch­lich sind die Schä­den durch Wild­ver­biss rie­sig, muss auch Kin­zel­bach zuge­ben. In mehr als 80 Pro­zent der Reviere lei­den Laub­bäume wie die Eiche unter teils star­kem Ver­biss. Drei Vier­tel der Tan­nen sind geschä­digt, wie die baden-württembergische Lan­des­forst­ver­wal­tung in ihrem “Forst­li­chen Gut­ach­ten 2007″ fest­stellte. Doch auch das ist nach Ansicht von Kin­zel­bach letzt­lich die Schuld des Men­schen. Rehe, frü­her tagak­tive Tiere, seien nur durch die Jagd zu scheuen, nacht­ak­ti­ven Wald­be­woh­nern gewor­den. “Wenn man die Rehe nicht jagen würde, wür­den sie sich auch nicht so sehr im Wald auf­hal­ten und dort alles anknab­bern”, argu­men­tiert der Ros­to­cker Zoologe.

“Es kann nicht sein, dass die 0,3 Pro­zent der Bevöl­ke­rung, die einen Jagd­schein haben, für fast 80 Mil­lio­nen Men­schen bestim­men, wie unsere Wäl­der in Zukunft aus­se­hen wer­den”, sagt Rai­ner Wage­laar, Forst­wis­sen­schaft­ler an der Fach­hoch­schule Rot­ten­burg und Vor­sit­zen­der des Ökolo­gi­schen Jagd­ver­ban­des (ÖJV).

Doch die Lobby der Jäger in Deutsch­land ist mäch­tig — auch weil viele Poli­ti­ker pas­sio­nierte Jäger sind: Der Prä­si­dent des Lan­des­jagd­ver­ban­des Bay­ern, Jür­gen Vocke, saß zum Bei­spiel zehn Jahre lang für die CSU im Land­tag. Der frü­here Bun­des­mi­nis­ter und heu­tige Bun­des­tags­ab­ge­ord­nete Jür­gen Bor­chert ist Prä­si­dent des Deut­schen Jagd­schutz­ver­ban­des und des Lan­des­jagd­ver­ban­des Nordrhein-Westfalen. Sein Vor­gän­ger war Con­stan­tin Frei­herr von Hee­re­man, sie­ben Jahre Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter der CDU und Bau­ern­prä­si­dent. Der Prä­si­dent der Lan­des­jä­ger­schaft Nie­der­sach­sen ist der CDU-Landtagsabgeordnete Hel­mut Dammann-Tamke. In etli­chen Kreis­ta­gen und Stadt­par­la­men­ten sit­zen viele, die sich von gemein­sa­men Jag­den gut ken­nen. Das­selbe gilt für ein­fluss­rei­che Stel­len in der Wirtschaft.

Der Mensch müsse heute das bestands­re­gu­lie­rende Raub­tier erset­zen, da die natür­li­chen Feinde des Wil­des aus­ge­rot­tet wur­den, recht­fer­tigt sich die Jäger-Lobby. “Wir leben in einer rei­nen Kul­tur­land­schaft, die vom Men­schen geprägt ist. Die weni­gen gro­ßen Raub­tiere wie Wolf oder Luchs, die es erfreu­li­cher­weise noch oder wie­der gibt, kön­nen den Jäger gar nicht erset­zen”, sagt etwa DJV-Sprecher Ste­phan Bröhl. Die nach­hal­tige Nut­zung der Wild­tier­be­stände sei des­we­gen not­wen­dig. “Die Ide­al­vor­stel­lung, dass sich Räu­ber und Beute selbst regu­lie­ren, mag in einem Natio­nal­park funk­tio­nie­ren, aber nicht in der nor­ma­len Landschaft.”

Dem wider­spricht das Ergeb­nis einer Stu­die des Münch­ner Zoo­lo­gen Josef Reich­holf. Der Wis­sen­schaft­ler unter­suchte die Bestands­ent­wick­lung der Bisam­ratte am Inn — ein­mal auf deut­scher Seite, wo diese Tiere gejagt wer­den, und ein­mal im öster­rei­chi­schen Fluss­ab­schnitt, wo sie von der Jagd ver­schont blei­ben. Die Unter­su­chung zeigte, dass es im Jagd­ge­biet deut­lich mehr Bisam­rat­ten gibt. Die kri­tischste Zeit für die Bisam­ratte ist der Winter.

“Tiere die gestärkt über­le­ben, pflan­zen sich im Früh­jahr zei­ti­ger und zah­len­mä­ßig stär­ker fort”, sagt Reich­holf. Wer­den in einem Gebiet viele Tiere getö­tet, haben die Ver­blie­be­nen ein bes­se­res Fut­ter­an­ge­bot, und statt erst im Mai zwei Junge zu gebä­ren, bekommt ein Bisam­rat­ten­weib­chen dann schon im März vier bis fünf und wirft dann noch bis zu zwei­mal im sel­ben Jahr. Die­ses Prin­zip gelte auch für Rot­hirsch, Reh und Wild­schwein. Durch die Jagd ver­mehrt sich das Wild stär­ker als unter natür­li­chen Umstän­den. “Die Kon­kur­renz im Win­ter ist gerin­ger, die Chan­cen sind im Früh­jahr bes­ser”, sagt Reich­holf. Durch die Jagd wür­den Tier­ar­ten, die bereits sel­ten sind, noch sel­te­ner, und jene, die häu­fig sind, noch häufiger.

Kri­ti­ker sagen, dass sich die Jagd in Deutsch­land seit 1934 nicht wei­ter­ent­wi­ckelt habe, als Her­mann Göring das Deut­sche Jagd­sys­tem im Reichs­jagd­ge­setz neu ord­nete. Noch immer sei die Tro­phäe das wich­tigste Ziel; Abschuss­pläne und Schon­zei­ten wür­den auch heute noch danach aus­ge­rich­tet, mög­lichst große Tro­phäen zu bekom­men. Reh­bö­cke bei­spiels­weise seien für Jäger nur im Som­mer inter­es­sant, wenn sie ein Gehörn tra­gen, sagt Wage­laar, der Chef des ÖJV. Die kon­ser­va­ti­ven Jagd­ver­bände bestrei­ten das. Der Natur­schutz sei mitt­ler­weile ein wich­ti­ger Bestand­teil des Waidhandwerks.

Um die Jagd zu moder­ni­sie­ren, will der ÖJV die Jagd­me­tho­den unter ande­rem effi­zi­en­ter machen. “Statt stun­den­lan­gem Ansit­zen mor­gens und abends, und dies oft über län­gere Zeit­räume, sollte man die Jagd an eini­gen weni­gen Tagen inten­si­vie­ren — bei­spiels­weise mit Hun­den Drück­jag­den durch­füh­ren. Dann hat das Wild mehr Ruhe­pha­sen und muss nicht län­ger nacht­ak­tiv und über­aus scheu sein”, sagt Wage­laar. Dass die For­de­run­gen des ÖJV nicht umge­setzt wer­den, hat nach Wage­laars Ein­schät­zung einen ein­fa­chen Grund: Die klas­si­schen Jagd­ver­bände seien oft “total über­al­tert, sehr kon­ser­va­tiv und kaum reformbereit”.

Eine Folge des hohen Jagd­drucks in Deutsch­land wird nach Ansicht der Deut­schen Wildtier-Stiftung, die einst von einem Jäger gegrün­det wurde, viel zu wenig beach­tet: die große Scheu der Tiere. Wer jemals einen Natio­nal­park in Afrika besucht hat, in dem nicht gejagt wird, weiß, dass die meis­ten Tiere eigent­lich kei­ner­lei Scheu vor Men­schen haben. Sie las­sen sich dort aus weni­gen Metern Ent­fer­nung beob­ach­ten. In Deutsch­land neh­men Hasen, Rehe und Wild­schweine Reiß­aus, wenn sie einen Men­schen in gro­ßer Ent­fer­nung sehen oder wit­tern. Die Tiere wis­sen: Mensch gleich Jäger gleich Feind.

Doch auch in Deutsch­land gibt es Aus­nah­men. Im Natio­nal­park Vor­pom­mer­sche Bod­den­land­schaft an der Ost­see zum Bei­spiel beob­ach­tet man seit Jah­ren, wie der eigent­lich nacht­ak­tive und scheue Mar­der­hund immer zutrau­li­cher wird — die Jagd ist im Natio­nal­park untersagt.

Autor: Robert Lücke

 

 
Mensch und Tier sind gleichwertig, beide haben das Recht auf Leben und das Recht auf Respekt. Je hilfloser ein Lebewesen, ob Mensch oder Tier, je grösser ist sein Recht auf Unterstützung und Schutz. Menschen haben die Verantwortung, mit Lebewesen würdevoll umzugehen.